GESCHICHTE ITALIA 1670-1750
Die Vorgeschichte der Symphonie in Italien (1670–1680)
Die Geschichte der Symphonie beginnt nicht mit Joseph Haydn oder Wolfgang Amadeus Mozart, sondern in den Opernhäusern Italiens des 17. Jahrhunderts. In den Jahren zwischen 1670 und 1680 existierte die Symphonie noch nicht als eigenständige Konzertgattung. Stattdessen wurde der Begriff Sinfonia für verschiedene instrumentale Einleitungen, Zwischenspiele oder Nachspiele verwendet, die im Zusammenhang mit Opern, geistlichen Werken und höfischen Festveranstaltungen standen.
Im Italien des späten 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Oper zum wichtigsten musikalischen Genre. Besonders die Musikzentren Venedig, Rom und Neapel prägten die weitere Entwicklung der europäischen Musik. Die Opernhäuser benötigten zunehmend instrumentale Einleitungen, um den Beginn einer Aufführung anzukündigen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Bühne zu lenken. Aus dieser praktischen Funktion entstand die sogenannte Opern-Sinfonia.
Die frühen Sinfonien dieser Zeit waren noch keine selbstständigen Kunstwerke. Sie bestanden meist aus kurzen kontrastierenden Abschnitten und dienten ausschließlich der Vorbereitung einer Opernaufführung. Inhaltliche Bezüge zur eigentlichen Handlung waren zunächst selten. Erst später entwickelte sich daraus eine eigenständige musikalische Form.
Ein weiteres wichtiges Merkmal dieser Epoche war die Dominanz des Generalbasses. Die Instrumentalmusik orientierte sich noch stark an den Prinzipien des Barock. Die Streicher bildeten den Kern des Ensembles, während Blasinstrumente nur gelegentlich eingesetzt wurden. Die musikalische Struktur war häufig von Sequenzen, kontrapunktischen Verfahren und Tanzrhythmen geprägt.
Gegen Ende der 1670er Jahre begann der junge Alessandro Scarlatti seine Karriere in Rom. Seine frühen Opern wie Gli equivoci nel sembiante (1679) und L’honestà negli amori (1680) markieren den Beginn einer Entwicklung, die wenige Jahre später zur Herausbildung der italienischen dreisätzigen Opernsinfonia führen sollte. Scarlatti gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der späteren klassischen Symphonie.
Obwohl zwischen 1670 und 1680 noch keine eigentlichen Symphonien existierten, wurden in dieser Dekade die entscheidenden Voraussetzungen geschaffen. Die Verbindung von Oper, Orchester und instrumentaler Einleitung bildete den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die über die neapolitanische Opernschule, die frühe Wiener Symphonik und schließlich zu Haydn, Mozart und Beethoven führte.
Heartz, D. (2003). Music in European Capitals: The Galant Style, 1720–1780. W. W. Norton.
Sadie, S. (Ed.). (2001). The New Grove Dictionary of Music and Musicians (2nd ed.). Macmillan.
Taruskin, R. (2005). The Oxford History of Western Music (Vol. 2). Oxford University Press.
Bianconi, L. (1987). Music in the Seventeenth Century. Cambridge University Press.
Langford, J. (2020). A History of the Symphony: The Grand Genre. Routledge.
Die Entstehung der italienischen Opernsinfonia (1680–1690)
Die 1680er Jahre markieren einen entscheidenden Wendepunkt in der Vorgeschichte der Symphonie. Während die Sinfonia im 17. Jahrhundert noch ein allgemeiner Begriff für instrumentale Musik war, begann sich in Italien nun eine spezifischere Form herauszubilden. Diese Entwicklung stand in engem Zusammenhang mit dem rasanten Aufstieg der Oper als führende musikalische Gattung der Zeit. Besonders in Neapel, Rom und Venedig entstand ein kulturelles Umfeld, in dem neue Formen orchestraler Einleitungsmusik erprobt wurden (Taruskin, 2005).
Die Oper hatte sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts von einer höfischen Repräsentationsform zu einem öffentlichen Unterhaltungsmedium entwickelt. Mit der zunehmenden Professionalisierung der Opernhäuser wuchs auch die Bedeutung der instrumentalen Einleitung. Die Ouvertüre sollte nicht nur den Beginn der Aufführung signalisieren, sondern auch die Aufmerksamkeit des Publikums bündeln und eine musikalische Atmosphäre schaffen. Aus diesen Anforderungen entwickelte sich die sogenannte italienische Opernsinfonia (Sadie, 2001).
Eine zentrale Rolle spielte dabei Alessandro Scarlatti (1660–1725). Obwohl seine berühmtesten Werke erst in den folgenden Jahrzehnten entstanden, begann er bereits in den 1680er Jahren, die Form der Opernouvertüre systematisch weiterzuentwickeln. Seine frühen Opern zeigen die Tendenz, die einleitende Instrumentalmusik stärker zu strukturieren und von der eigentlichen Bühnenhandlung abzugrenzen (Heartz, 2003).
In dieser Zeit entstand schrittweise jenes dreisätzige Modell, das später als neapolitanische Opernsinfonia bekannt wurde:
- schneller Eröffnungssatz
- langsamer Mittelsatz
- schnelles Finale
Diese Satzfolge unterschied sich deutlich von der französischen Ouvertüre nach dem Vorbild von Jean-Baptiste Lully, die gewöhnlich aus einem langsamen punktierten Abschnitt und einem schnelleren kontrapunktischen Teil bestand. Die italienische Lösung wirkte dynamischer, leichter und stärker auf melodische Entwicklung ausgerichtet (Taruskin, 2005).
Orchestratorisch blieb die Besetzung noch relativ kompakt. Das Orchester bestand überwiegend aus Streichern mit Generalbass. Violinen dominierten den Klang, während Viola, Violoncello und Continuo die harmonische Grundlage bildeten. Oboen und Trompeten konnten je nach Anlass hinzugefügt werden, gehörten jedoch noch nicht zur festen Standardbesetzung. Die später charakteristische klassische Orchesterbesetzung existierte noch nicht (Rosen, 1997).
Musikalisch spiegeln die Sinfonien der 1680er Jahre den Übergang vom Hochbarock zum entstehenden galanten Stil wider. Während kontrapunktische Verfahren weiterhin verwendet wurden, gewannen klare Periodenbildung, melodische Einfachheit und harmonische Transparenz zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklung sollte im frühen 18. Jahrhundert weitergeführt werden und schließlich die Voraussetzungen für die klassische Symphonie schaffen (Heartz, 2003).
Aus heutiger Sicht liegt die Bedeutung der 1680er Jahre weniger in einzelnen Meisterwerken als vielmehr in der Ausbildung eines neuen kompositorischen Denkens. Die Opernsinfonia begann sich als eigenständiger Formtyp zu etablieren und löste sich schrittweise von ihrer rein funktionalen Rolle innerhalb der Oper. Damit entstanden erstmals strukturelle Grundlagen, die später von Komponisten wie Giovanni Battista Sammartini, Georg Christoph Wagenseil, Georg Matthias Monn und Joseph Haydn weiterentwickelt wurden (Langford, 2020).
Für die spätere Wiener Symphonik waren diese Entwicklungen von großer Bedeutung. Die engen kulturellen Beziehungen zwischen Italien und dem Habsburgerreich führten dazu, dass italienische Opern und ihre Sinfonien bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts regelmäßig in Wien rezipiert wurden. Dadurch gelangten zentrale kompositorische Modelle der italienischen Opernsinfonia in den deutschsprachigen Raum und bildeten eine wichtige Grundlage für die Entstehung der Wiener Symphonie im 18. Jahrhundert (Heartz, 2003).
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Langford, J. (2020). A history of the symphony: The grand genre. Routledge.
Rosen, C. (1997). The classical style: Haydn, Mozart, Beethoven (Expanded ed.). W. W. Norton.
Sadie, S. (Ed.). (2001). The New Grove dictionary of music and musicians (2nd ed.). Macmillan.
Taruskin, R. (2005). The Oxford history of Western music (Vol. 2: The seventeenth and eighteenth centuries). Oxford University Press.
Die Konsolidierung der italienischen Opernsinfonia (1690–1700)
Die Dekade zwischen 1690 und 1700 gilt als eine der entscheidenden Phasen in der Vorgeschichte der Symphonie. Während die instrumentale Sinfonia in den vorangegangenen Jahrzehnten noch unterschiedliche Funktionen erfüllen konnte, begann sich nun insbesondere in Neapel eine relativ stabile Form der Opernouvertüre herauszubilden. Diese Entwicklung bildete die Grundlage für jene Gattung, die im 18. Jahrhundert schließlich zur klassischen Symphonie werden sollte (Taruskin, 2005; Horton, 2013).
Neapel als neues musikalisches Zentrum
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich Neapel zu einem der bedeutendsten Musikzentren Europas. Die Stadt verfügte über mehrere Opernhäuser, ein dichtes Netzwerk von Konservatorien und eine außerordentlich aktive Musikszene. Zahlreiche Komponisten arbeiteten für den Adel, die Kirche und öffentliche Opernunternehmen. In diesem Umfeld entstand die sogenannte Neapolitanische Opernschule, deren Einfluss sich im Laufe des 18. Jahrhunderts über ganz Europa ausbreitete (Heartz, 2003).
Innerhalb dieser Tradition gewann die Opernsinfonia zunehmend an Eigenständigkeit. Während frühere Ouvertüren häufig lose Aneinanderreihungen kontrastierender Abschnitte darstellten, entwickelte sich nun ein klareres formales Konzept. Die Eröffnungsmusik erhielt eine stärkere strukturelle Geschlossenheit und wurde zu einem wichtigen Bestandteil der dramaturgischen Gesamtanlage einer Oper (Sadie, 2001).
Alessandro Scarlatti und die Standardisierung der Form
Die zentrale Figur dieser Entwicklung war Alessandro Scarlatti. In den 1690er Jahren etablierte er jene Form der Opernsinfonia, die später als Standardmodell der italienischen Ouvertüre gelten sollte.
Typischerweise bestand diese Form aus drei Abschnitten:
- Schneller Eröffnungssatz (Allegro)
- Langsamer Mittelsatz (Adagio oder Largo)
- Schnelles Finale (Allegro oder Presto)
Diese Satzfolge stellte einen grundlegenden Unterschied zur französischen Ouvertüre dar, die auf das Modell von Jean-Baptiste Lully zurückging. Während die französische Ouvertüre durch punktierte Rhythmen und kontrapunktische Abschnitte geprägt war, zeichnete sich die italienische Sinfonia durch melodische Klarheit, rhythmische Energie und stärkere thematische Geschlossenheit aus (Taruskin, 2005).
Viele Musikhistoriker betrachten diese dreisätzige Anlage als den wichtigsten direkten Vorläufer der klassischen Symphonie (Langford, 2020).
Veränderungen im Orchesterklang
Auch die Orchesterpraxis entwickelte sich weiter. Die Besetzung bestand weiterhin überwiegend aus:
- Violinen
- Viola
- Violoncello
- Kontrabass
- Basso continuo
Jedoch wurde die orchestrale Schreibweise zunehmend differenzierter. Die Violinen erhielten eigenständigere Aufgaben, und die verschiedenen Stimmen wurden stärker voneinander abgegrenzt. Dadurch entstand ein transparenterer Orchesterklang, der später für die Symphonie des 18. Jahrhunderts charakteristisch werden sollte (Rosen, 1997).
Gleichzeitig begann sich die Musik langsam vom dichten kontrapunktischen Stil des Hochbarock zu lösen. Homophone Satztechniken, klare Periodenstrukturen und melodische Prägnanz gewannen an Bedeutung. Diese Entwicklung gilt heute als ein wichtiger Schritt hin zum sogenannten galanten Stil des frühen 18. Jahrhunderts (Heartz, 2003).
Die zunehmende Eigenständigkeit der Sinfonia
Obwohl die Sinfonia um 1700 weiterhin primär als Opernouvertüre fungierte, lassen sich erste Anzeichen einer Verselbständigung erkennen. Einige Ouvertüren wurden außerhalb ihres ursprünglichen Opernkontextes aufgeführt oder separat überliefert. Dadurch begann sich die Vorstellung zu entwickeln, dass instrumentale Orchestermusik auch unabhängig von einer Bühnenhandlung bestehen könne (Horton, 2013).
Dieser Prozess verlief zunächst langsam, sollte jedoch im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer grundlegenden Veränderung führen. Aus der funktionalen Operneinleitung entwickelte sich schrittweise eine eigenständige Konzertgattung.
Bedeutung für die spätere Wiener Symphonie
Die Entwicklungen der 1690er Jahre hatten weitreichende Folgen für die Musikgeschichte Mitteleuropas. Durch die engen kulturellen Beziehungen zwischen Italien und dem Habsburgerreich gelangten italienische Opern regelmäßig nach Wien. Zahlreiche italienische Musiker wirkten am Wiener Hof, wodurch sich die formalen und stilistischen Innovationen der neapolitanischen Opernsinfonia auch nördlich der Alpen verbreiteten (Heartz, 2003).
Die spätere Wiener Symphonik des 18. Jahrhunderts – von Wagenseil und Monn bis hin zu Haydn und Mozart – steht somit indirekt in einer Traditionslinie, die in den Opernhäusern Neapels des späten 17. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm.
Fazit
Die Jahre 1690 bis 1700 markieren die Phase der Konsolidierung der italienischen Opernsinfonia. In dieser Zeit wurden wesentliche Merkmale entwickelt, die später für die klassische Symphonie charakteristisch werden sollten: die dreisätzige Grundstruktur, eine klarere formale Organisation, ein differenzierterer Orchestersatz und die zunehmende Emanzipation der Instrumentalmusik von ihrer ursprünglichen Funktion innerhalb der Oper. Damit entstand um 1700 jener kompositorische Rahmen, auf dem die weitere Entwicklung der europäischen Symphonie im 18. Jahrhundert aufbauen konnte.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Horton, J. (Ed.). (2013). The Cambridge companion to the symphony. Cambridge University Press.
Langford, J. (2020). A history of the symphony: The grand genre. Routledge.
Rosen, C. (1997). The classical style: Haydn, Mozart, Beethoven (Expanded ed.). W. W. Norton.
Sadie, S. (Ed.). (2001). The New Grove dictionary of music and musicians (2nd ed.). Macmillan.
Taruskin, R. (2005). The Oxford history of Western music (Vol. 2). Oxford University Press.
Die italienische Opernsinfonia auf dem Weg zur eigenständigen Gattung (1700–1710)
Die erste Dekade des 18. Jahrhunderts stellt eine Schlüsselphase in der Entwicklung der späteren Symphonie dar. Während die Sinfonia im 17. Jahrhundert überwiegend als funktionale Einleitung zu Opern diente, begann sie zwischen 1700 und 1710 eine deutlich stabilere musikalische Gestalt anzunehmen. Besonders in Neapel entwickelte sich die Opernsinfonia zu einer formal erkennbaren Kompositionsform, deren Einfluss sich in den folgenden Jahrzehnten über ganz Europa ausbreiten sollte (Heartz, 2003; Taruskin, 2005).
Die Dominanz der neapolitanischen Oper
Um 1700 war Neapel eines der bedeutendsten Musikzentren Europas. Die Stadt verfügte über mehrere Opernhäuser und Konservatorien, die zahlreiche Sänger, Instrumentalisten und Komponisten ausbildeten. Die Oper entwickelte sich zunehmend zu einem kommerziellen und gesellschaftlichen Massenphänomen. Dadurch stieg auch die Bedeutung der instrumentalen Einleitungsmusik, die das Publikum auf die Aufführung vorbereiten sollte (Bianconi, 1987).
In diesem Umfeld erreichte die von Alessandro Scarlatti entwickelte Opernsinfonia eine neue Reife. Scarlatti, der bereits seit den 1680er Jahren die Opernszene prägte, schuf zahlreiche Werke, deren Ouvertüren zu Vorbildern für die nachfolgenden Generationen wurden (Heartz, 2003).
Die Etablierung des dreisätzigen Modells
Zwischen 1700 und 1710 setzte sich zunehmend die typische Struktur der italienischen Opernsinfonia durch:
- Allegro
- Adagio oder Largo
- Allegro oder Presto
Diese Dreisätzigkeit gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die spätere Symphonieentwicklung. Im Gegensatz zur französischen Ouvertüre, die auf repräsentative höfische Wirkung zielte, legte die italienische Sinfonia größeren Wert auf Bewegungsenergie, melodische Klarheit und dramatische Kontraste (Taruskin, 2005).
Dabei entstand erstmals ein kompositorisches Modell, das nicht nur funktional, sondern auch formal geschlossen wirkte. Die einzelnen Abschnitte wurden bewusster aufeinander bezogen, wodurch die Sinfonia eine stärkere innere Einheit erhielt (Horton, 2013).
Stilistische Veränderungen
Die Musik dieser Zeit zeigt zugleich den Übergang vom Hochbarock zum Frühgalanten Stil. Charakteristisch sind:
- klarere Melodien
- regelmäßige Phrasenbildung
- einfachere Harmonik
- weniger komplexer Kontrapunkt
- stärkere Orientierung an klanglicher Transparenz
Während die Musik des 17. Jahrhunderts häufig von dichter Polyphonie geprägt war, entwickelte sich nun ein Stil, der stärker auf unmittelbare Verständlichkeit und melodische Wirkung setzte. Diese Veränderungen sollten später für die Wiener Klassik von grundlegender Bedeutung werden (Heartz, 2003).
Die Entwicklung des Orchesters
Auch die Orchesterpraxis veränderte sich. Das Ensemble bestand weiterhin hauptsächlich aus Streichern:
- Erste Violinen
- Zweite Violinen
- Viola
- Violoncello
- Kontrabass
- Basso continuo
Gleichzeitig wurde die Behandlung der Instrumente differenzierter. Die Violinen erhielten zunehmend eigenständige melodische Aufgaben, während die Mittelstimmen klarer ausgearbeitet wurden. Dadurch entstand ein ausgewogenerer Orchesterklang als im späten 17. Jahrhundert (Rosen, 1997).
Blasinstrumente wie Oboen oder Trompeten wurden gelegentlich hinzugefügt, waren jedoch noch nicht Bestandteil einer festen Standardbesetzung. Die klassische Orchesterformation des späteren 18. Jahrhunderts war noch nicht entwickelt (Sadie, 2001).
Die zunehmende Emanzipation der Instrumentalmusik
Ein entscheidender Schritt bestand darin, dass die Sinfonia allmählich über ihre ursprüngliche Funktion hinaus wahrgenommen wurde. Obwohl sie weiterhin primär als Opernouvertüre diente, zeigen zahlreiche Quellen, dass instrumentale Musik zunehmend eigene ästhetische Bedeutung gewann.
Dieser Wandel steht im Zusammenhang mit einer allgemeinen Aufwertung der Instrumentalmusik im frühen 18. Jahrhundert. Komponisten begannen verstärkt, musikalische Strukturen unabhängig von Text und Bühne zu gestalten. Die Sinfonia wurde dadurch zu einem Laboratorium neuer kompositorischer Ideen, aus denen sich später eigenständige Orchestergattungen entwickeln konnten (Taruskin, 2005).
Die Verbreitung außerhalb Italiens
Bereits in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die italienische Opernsinfonia über die Grenzen Italiens hinaus. Italienische Opern wurden an zahlreichen europäischen Höfen aufgeführt, darunter auch in Wien.
Die Habsburger pflegten enge kulturelle Beziehungen zu Italien und engagierten regelmäßig italienische Musiker und Komponisten. Dadurch gelangten die stilistischen Neuerungen der neapolitanischen Opernschule früh in den Wiener Kulturraum und bildeten die Grundlage für spätere Entwicklungen der Wiener Symphonik (Heartz, 2003).
Historische Bedeutung
Aus heutiger Perspektive stellt die Dekade 1700–1710 die Phase dar, in der die Opernsinfonia ihre klassische Grundgestalt erhielt. Zwar existierte die Symphonie noch nicht als eigenständige Konzertgattung, doch die wesentlichen Bausteine waren bereits vorhanden:
- Dreisätzigkeit
- orchestrale Selbstständigkeit
- melodische Klarheit
- formale Geschlossenheit
- zunehmende Loslösung von rein funktionalen Aufgaben
Damit wurde jene Entwicklung vorbereitet, die im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts über die Mailänder Schule, die Mannheimer Schule und die frühe Wiener Symphonik schließlich zur klassischen Symphonie Haydns und Mozarts führte.
Bianconi, L. (1987). Music in the seventeenth century. Cambridge University Press.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Horton, J. (Ed.). (2013). The Cambridge companion to the symphony. Cambridge University Press.
Rosen, C. (1997). The classical style: Haydn, Mozart, Beethoven (Expanded ed.). W. W. Norton.
Sadie, S. (Ed.). (2001). The New Grove dictionary of music and musicians (2nd ed.). Macmillan.
Taruskin, R. (2005). The Oxford history of Western music (Vol. 2: The seventeenth and eighteenth centuries). Oxford University Press.
Die Weiterentwicklung der italienischen Opernsinfonia (1710–1720)
Einleitung
Die Dekade zwischen 1710 und 1720 stellt eine wichtige Übergangsphase in der Vorgeschichte der Symphonie dar. Während sich die dreisätzige italienische Opernsinfonia bereits um 1700 etabliert hatte, wurde sie in den folgenden Jahren weiter verfeinert und über Italien hinaus verbreitet. Die Sinfonia blieb zwar weiterhin eng mit der Oper verbunden, entwickelte jedoch zunehmend eigene musikalische Qualitäten, die später für die Entstehung der selbstständigen Symphonie von entscheidender Bedeutung wurden (Taruskin, 2005; Horton, 2013).
Die Bedeutung Neapels
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Neapel eines der wichtigsten Musikzentren Europas. Die Stadt verfügte über vier große Konservatorien, zahlreiche Opernhäuser und ein professionelles Netzwerk von Komponisten, Instrumentalisten und Sängern. Die sogenannte Neapolitanische Schule prägte den europäischen Musikgeschmack nachhaltig und beeinflusste Komponisten von Spanien bis Mitteleuropa (Heartz, 2003).
Innerhalb dieses Umfelds entwickelte sich die Opernsinfonia zu einer immer stärker standardisierten Form. Die Komponisten orientierten sich zunehmend an einem klaren dreisätzigen Modell und legten größeren Wert auf formale Geschlossenheit sowie orchestrale Wirkung (Langford, 2020).
Alessandro Scarlatti als prägende Figur
Die zentrale Persönlichkeit dieser Entwicklung blieb Alessandro Scarlatti.
In den Jahren 1710–1720 erreichte Scarlatti den Höhepunkt seines Schaffens. Zahlreiche seiner Opern enthalten Sinfonien, die hinsichtlich Form, Dramaturgie und Instrumentation deutlich weiterentwickelt erscheinen als jene der vorangegangenen Jahrzehnte.
Charakteristisch sind:
- klar abgegrenzte Satzteile,
- stärkere motivische Kohärenz,
- kontrastreiche Dynamik,
- größere melodische Eigenständigkeit.
Obwohl diese Werke weiterhin als Opernouvertüren fungierten, besitzen sie bereits Eigenschaften, die später für die Symphonie typisch werden sollten (Heartz, 2003).
Die Herausbildung eines galanten Stils
Während die Musik des Hochbarock stark durch kontrapunktische Komplexität geprägt war, setzte sich in den 1710er Jahren zunehmend ein neuer ästhetischer Geschmack durch.
Typische Merkmale waren:
- einfache und sangliche Melodien,
- regelmäßige Phrasenbildung,
- klarere harmonische Verläufe,
- geringere kontrapunktische Dichte,
- stärkere Orientierung an Verständlichkeit und Eleganz.
Diese Entwicklung wird heute als frühe Phase des galanten Stils verstanden und bildet eine wichtige Verbindung zwischen dem Barock und der Wiener Klassik des späteren 18. Jahrhunderts (Heartz, 2003).
Die Entwicklung des Orchesters
Auch die Orchesterpraxis veränderte sich.
Typische Besetzungen umfassten:
- Erste Violinen
- Zweite Violinen
- Viola
- Violoncello
- Kontrabass
- Basso continuo
Hinzu kamen je nach Anlass:
- Oboen
- Fagotte
- Trompeten
- Hörner
Insbesondere die zunehmende Verwendung von Hörnern erwies sich langfristig als bedeutend für die Entwicklung der Symphonie. Die Bläser dienten nicht mehr ausschließlich der klanglichen Verstärkung, sondern erhielten zunehmend eigenständige musikalische Funktionen (Sadie, 2001).
Die Verbreitung der italienischen Sinfonia in Europa
Ein zentrales Merkmal dieser Dekade war die internationale Ausstrahlung der italienischen Oper.
Italienische Opern wurden regelmäßig aufgeführt in:
- Wien
- Dresden
- München
- Prag
- London
- Paris
Mit den Opern verbreitete sich auch die italienische Sinfonia. Viele europäische Komponisten übernahmen deren formale Prinzipien und passten sie an lokale Traditionen an. Dadurch entstand ein europaweites Netzwerk musikalischer Einflüsse, das später die Entwicklung der Symphonie in unterschiedlichen Regionen Europas fördern sollte (Rice, 2013).
Die zunehmende Eigenständigkeit der Instrumentalmusik
In den 1710er Jahren lässt sich erstmals eine langsame Emanzipation der Instrumentalmusik beobachten.
Mehrere Faktoren spielten dabei eine Rolle:
- Professionalisierung der Orchester
- Wachstum öffentlicher Konzertkultur
- steigende Nachfrage nach Instrumentalmusik
- zunehmende technische Fähigkeiten der Instrumentalisten
Obwohl die Sinfonia weiterhin primär an die Oper gebunden blieb, wurden ihre musikalischen Strukturen immer stärker als eigenständige kompositorische Leistungen wahrgenommen (Taruskin, 2005).
Bedeutung für die spätere Symphonie
Aus heutiger Sicht markiert die Dekade 1710–1720 eine Phase der Konsolidierung und Verbreitung.
Wesentliche Entwicklungen waren:
- Stabilisierung der dreisätzigen Form,
- Weiterentwicklung des Orchestersatzes,
- frühe galante Stilmerkmale,
- stärkere Rolle der Bläser,
- europaweite Verbreitung der italienischen Opernsinfonia.
Diese Elemente bildeten die Grundlage für die nächste Generation von Komponisten, die die Sinfonia zunehmend von der Oper lösen und in Richtung einer eigenständigen Orchestergattung weiterentwickeln sollten.
Fazit
Die Jahre 1710–1720 waren keine Epoche der fertigen Symphonie, wohl aber eine entscheidende Entwicklungsphase ihrer Vorläufer. Die italienische Opernsinfonia erreichte eine hohe formale Reife, verbreitete sich in ganz Europa und schuf die ästhetischen und strukturellen Voraussetzungen für die spätere Entstehung der klassischen Symphonie. Besonders die Arbeiten Alessandro Scarlattis und die internationale Ausstrahlung der neapolitanischen Oper bildeten wichtige Ausgangspunkte für die weitere Entwicklung im 18. Jahrhundert.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Horton, J. (Ed.). (2013). The Cambridge companion to the symphony. Cambridge University Press.
Langford, J. (2020). A history of the symphony: The grand genre. Routledge.
Rice, J. A. (2013). Music in the eighteenth century. W. W. Norton.
Sadie, S. (Ed.). (2001). The New Grove dictionary of music and musicians (2nd ed.). Macmillan.
Taruskin, R. (2005). The Oxford history of Western music (Vol. 2: The seventeenth and eighteenth centuries). Oxford University Press.
Die italienische Sinfonia zwischen Oper und eigenständiger Orchestermusik (1720–1730)
Einleitung
Die Dekade von 1720 bis 1730 stellt eine entscheidende Übergangsphase in der Geschichte der Symphonie dar. Während die italienische Opernsinfonia zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor allem als Einleitung zu Opern fungierte, entwickelte sie sich nun zunehmend zu einer formal geschlossenen und musikalisch eigenständigen Gattung. Besonders in Neapel, Rom, Venedig und Mailand entstanden neue kompositorische Ansätze, die den späteren Weg zur klassischen Symphonie vorbereiteten (Heartz, 2003).
Im Gegensatz zu den Jahrzehnten zuvor lag die Bedeutung dieser Periode nicht allein in der Verbreitung der Opernsinfonia, sondern vor allem in ihrer stilistischen und strukturellen Weiterentwicklung. Viele Musikhistoriker sehen in den 1720er Jahren den Beginn jenes Prozesses, der schließlich zur Entstehung der eigenständigen Orchestersymphonie führte (Langford, 2020).
Die Neapolitanische Schule auf ihrem Höhepunkt
Zu Beginn der 1720er Jahre befand sich die neapolitanische Oper auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Die Konservatorien Neapels hatten sich zu bedeutenden Ausbildungszentren entwickelt und prägten Generationen von Komponisten.
Die Opernsinfonia war inzwischen weitgehend standardisiert. Das typische dreisätzige Modell:
- Allegro
- Largo oder Adagio
- Allegro oder Presto
hatte sich europaweit etabliert und wurde von zahlreichen Komponisten übernommen (Taruskin, 2005).
Gleichzeitig begann sich die musikalische Sprache zu verändern. Die Komponisten bevorzugten zunehmend klarere melodische Linien, regelmäßigere Phrasen und eine stärker harmonisch orientierte Satzweise. Diese Entwicklung markiert den Übergang vom Spätbarock zum frühen galanten Stil (Heartz, 2003).
Die Nachwirkung Alessandro Scarlattis
Obwohl Alessandro Scarlatti in den letzten Jahren seines Lebens stand, blieb sein Einfluss in den 1720er Jahren außerordentlich groß.
Seine Opernsinfonien dienten zahlreichen jüngeren Komponisten als Vorbild. Besonders die klare Dreisätzigkeit, die motivische Geschlossenheit und die dramatische Wirkung seiner Ouvertüren wurden zu zentralen Merkmalen der italienischen Instrumentalmusik (Talbot, 2001).
Scarlatti trug wesentlich dazu bei, dass die Sinfonia nicht mehr nur als funktionaler Bestandteil einer Oper verstanden wurde, sondern zunehmend als eigenständige musikalische Form wahrgenommen werden konnte.
Die Entwicklung des galanten Stils
Eine der wichtigsten Veränderungen der 1720er Jahre war die Ausbildung des galanten Stils.
Typische Merkmale waren:
- melodische Eleganz
- einfache Periodenbildung
- klare Kadenzstrukturen
- reduzierte kontrapunktische Komplexität
- stärkere Betonung der Oberstimme
Diese Ästhetik unterschied sich deutlich vom hochbarocken Stil eines Johann Sebastian Bach oder George Frideric Handel.
Der galante Stil sollte später die musikalische Grundlage der Wiener Klassik bilden und spielte daher eine zentrale Rolle für die weitere Entwicklung der Symphonie (Heartz, 2003).
Die Entstehung neuer orchestraler Denkweisen
In den 1720er Jahren begann sich das Verhältnis zwischen den Instrumentengruppen zu verändern.
Während im Barock häufig eine Dominanz des Generalbasses herrschte, entwickelte sich nun eine stärkere Differenzierung zwischen:
- Melodiestimmen
- Mittelstimmen
- Bassfundament
Die Violinen erhielten zunehmend thematische Verantwortung, während Bratschen und Bassinstrumente eigenständiger eingesetzt wurden. Dadurch entstand ein transparenterer und ausgewogenerer Orchesterklang (Rosen, 1997).
Diese Entwicklung gilt als eine wichtige Voraussetzung für die spätere klassische Orchesterbehandlung bei Haydn und Mozart.
Die Verbreitung der Sinfonia außerhalb der Oper
Ein besonders wichtiger Aspekt der 1720er Jahre ist die zunehmende Aufführung instrumentaler Musik außerhalb des Opernkontextes.
An zahlreichen europäischen Höfen wurden Sinfonien als:
- Konzertstücke
- Festmusiken
- Serenaden
- höfische Unterhaltungsmusik
verwendet.
Dadurch begann sich die Sinfonia langsam von ihrer ursprünglichen Funktion als Operneinleitung zu lösen. Die Idee einer eigenständigen Orchestermusik gewann an Bedeutung (Horton, 2013).
Mailand und die Vorgeschichte Sammartinis
In den 1720er Jahren entwickelte sich neben Neapel auch Mailand zu einem wichtigen Zentrum der Instrumentalmusik.
Hier entstand jenes Umfeld, aus dem später Giovanni Battista Sammartini hervorgehen sollte. Sammartini gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der selbstständigen Symphonie.
Zwar stammen seine bedeutendsten Symphonien erst aus den 1730er und 1740er Jahren, doch die musikalischen Entwicklungen Mailands in den 1720er Jahren schufen die Voraussetzungen für sein späteres Schaffen (Churgin, 1968).
Fazit
Die Jahre 1720 bis 1730 markieren den Übergang von der barocken Opernsinfonia zu einer zunehmend eigenständigen Orchestergattung. Die Ausbildung des galanten Stils, die Weiterentwicklung der Orchestertechnik und die schrittweise Emanzipation der Instrumentalmusik schufen die Grundlagen für die Entstehung der eigentlichen Symphonie. Besonders die Musikzentren Neapel und Mailand bereiteten jene Entwicklungen vor, die in den folgenden Jahrzehnten durch Giovanni Battista Sammartini, Georg Christoph Wagenseil und Georg Matthias Monn weitergeführt wurden.
Churgin, B. (1968). The symphonies of Giovanni Battista Sammartini. Harvard University Press.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Horton, J. (Ed.). (2013). The Cambridge companion to the symphony. Cambridge University Press.
Langford, J. (2020). A history of the symphony: The grand genre. Routledge.
Rosen, C. (1997). The classical style: Haydn, Mozart, Beethoven (Expanded ed.). W. W. Norton.
Talbot, M. (2001). Alessandro Scarlatti. In The New Grove dictionary of music and musicians (2nd ed.). Macmillan.
Die Entstehung der selbstständigen Symphonie in Italien (1730–1740)
Die Jahre zwischen 1730 und 1740 markieren einen Wendepunkt in der Geschichte der Symphonie. Während die italienische Sinfonia des frühen 18. Jahrhunderts noch überwiegend als Opernouvertüre fungierte, begann sie sich nun zunehmend von ihrer ursprünglichen Funktion zu lösen und als eigenständige instrumentale Gattung zu etablieren. Besonders Mailand entwickelte sich zu einem Zentrum dieser Entwicklung. Viele Musikhistoriker sehen in dieser Dekade den eigentlichen Beginn der Symphoniegeschichte im engeren Sinn (Churgin, 1968; Horton, 2013).
Mailand als neues Zentrum der Instrumentalmusik
Während Neapel weiterhin das bedeutendste Opernzentrum Italiens blieb, gewann Mailand in den 1730er Jahren als Zentrum instrumentaler Musik erheblich an Bedeutung.
Anders als in der Opernsinfonia stand hier zunehmend die Orchestermusik selbst im Mittelpunkt. Komponisten begannen, Werke zu schreiben, die unabhängig von einer Oper aufgeführt werden konnten. Dadurch entstand eine neue Aufführungspraxis, in der Instrumentalmusik einen eigenständigen künstlerischen Wert erhielt (Heartz, 2003).
Dieser Wandel gehört zu den wichtigsten Entwicklungen der europäischen Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts.
Giovanni Battista Sammartini
Die zentrale Figur dieser Entwicklung war Giovanni Battista Sammartini (ca. 1700–1775).
Sammartini gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der klassischen Symphonie. Seine frühen Symphonien entstanden teilweise bereits in den 1730er Jahren und unterscheiden sich deutlich von den traditionellen Opernouvertüren.
Mehrere Merkmale weisen bereits auf die spätere klassische Symphonie hin:
- thematische Geschlossenheit
- motivische Arbeit
- eigenständige Satzentwicklung
- größere formale Einheit
- stärkere dramaturgische Spannung
Anders als die Opernsinfonia wurden diese Werke nicht primär als Einleitung zu einer Bühnenhandlung konzipiert, sondern als eigenständige Orchestermusik (Churgin, 1968).
Die Loslösung von der Oper
Eine der bedeutendsten Entwicklungen der 1730er Jahre war die schrittweise Emanzipation der Sinfonia von der Oper.
Im frühen 18. Jahrhundert war die Sinfonia nahezu ausschließlich mit Opernaufführungen verbunden. Nun entstanden jedoch Werke, die unabhängig von einem dramatischen Kontext existieren konnten.
Dieser Prozess verlief schrittweise:
- Opernouvertüre
- Konzertante Sinfonia
- Selbstständige Orchestermusik
- Klassische Symphonie
Die 1730er Jahre markieren dabei die entscheidende Übergangsphase (Langford, 2020).
Formale Entwicklungen
Die dreisätzige Anlage blieb weiterhin dominant:
- Allegro
- Andante oder Largo
- Allegro oder Presto
Jedoch veränderte sich die Funktion der einzelnen Sätze.
Der erste Satz entwickelte zunehmend eigene thematische Strukturen. Die Musik wurde weniger episodisch und stärker auf innere Zusammenhänge ausgerichtet.
Zwar existierte die klassische Sonatenhauptsatzform noch nicht, doch viele ihrer späteren Elemente lassen sich bereits erkennen:
- thematische Kontraste
- motivische Verarbeitung
- Spannungsaufbau
- Kadenzgliederung
Diese Entwicklungen bildeten die Grundlage für die spätere Wiener Klassik (Rosen, 1997).
Der galante Stil und seine Bedeutung
Die Musik der 1730er Jahre war stark vom galanten Stil geprägt.
Typische Merkmale waren:
- klare Melodien
- regelmäßige Periodik
- einfache Harmonik
- transparente Textur
- ausgewogene Phrasenstruktur
Der galante Stil stellte eine bewusste Abkehr vom kontrapunktischen Ideal des Hochbarocks dar.
Gerade diese ästhetische Orientierung machte die Entstehung der Symphonie möglich, da sie größere formale Klarheit und eine stärkere Konzentration auf melodische Prozesse förderte (Heartz, 2003).
Die Entwicklung des Orchesters
Auch die Orchesterbesetzung entwickelte sich weiter.
Typischerweise bestanden die Ensembles aus:
- Erste Violinen
- Zweite Violinen
- Viola
- Violoncello
- Kontrabass
- Basso continuo
Zusätzlich wurden zunehmend eingesetzt:
- Oboen
- Fagotte
- Hörner
Die Bläser erhielten nun häufiger eigenständige musikalische Funktionen und dienten nicht mehr ausschließlich der Verdopplung von Streicherstimmen.
Dies führte zu einer differenzierteren Klanggestaltung und bereitete die klassische Orchesterbehandlung des späteren 18. Jahrhunderts vor (Zaslaw, 1989).
Internationale Ausstrahlung
Die neuen Entwicklungen verbreiteten sich rasch über Italien hinaus.
Musiker aus:
- Wien
- Prag
- Dresden
- Mannheim
- München
standen in engem Kontakt mit italienischen Musikzentren.
Notenmanuskripte zirkulierten zwischen den europäischen Höfen, und viele Komponisten studierten italienische Vorbilder.
Insbesondere die frühen Wiener Symphoniker übernahmen zahlreiche Merkmale der italienischen Instrumentalmusik des 1730er Jahrzehnts (Heartz, 2003).
Fazit
Die Jahre 1730–1740 markieren die eigentliche Geburtsphase der selbstständigen Symphonie. Die Loslösung von der Oper, die Entwicklung neuer formaler Konzepte und die zunehmende Eigenständigkeit der Orchestermusik schufen die Voraussetzungen für die klassische Symphonie des späteren 18. Jahrhunderts. Besonders Giovanni Battista Sammartini spielte dabei eine Schlüsselrolle. Seine Werke bilden eine der wichtigsten Brücken zwischen der italienischen Opernsinfonia des Barock und der Wiener Symphonie der Klassik.
Churgin, B. (1968). The symphonies of Giovanni Battista Sammartini. Harvard University Press.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
Horton, J. (Ed.). (2013). The Cambridge companion to the symphony. Cambridge University Press.
Langford, J. (2020). A history of the symphony: The grand genre. Routledge.
Rosen, C. (1997). The classical style: Haydn, Mozart, Beethoven (Expanded ed.). W. W. Norton.
Taruskin, R. (2005). The Oxford history of Western music (Vol. 2: The seventeenth and eighteenth centuries). Oxford University Press.
Zaslaw, N. (1989). Mozart's symphonies: Context, performance practice, reception. Clarendon Press.
Italienische Einflüsse und die Entstehung der frühen Wiener Symphonie (1740–1750)
Die Jahre zwischen 1740 und 1750 markieren eine Schlüsselphase in der Geschichte der Symphonie. Während in den 1730er Jahren die Loslösung der Sinfonia von ihrer ursprünglichen Funktion als Opernouvertüre begonnen hatte, entstanden nun erstmals die unmittelbaren Vorläufer der Wiener Symphonie. Wien entwickelte sich in dieser Dekade zu einem der wichtigsten Zentren instrumentaler Musik Europas. Entscheidend war dabei die intensive Rezeption italienischer Opern- und Instrumentalmusik, die seit Jahrzehnten am Wiener Kaiserhof präsent war. Die eigentliche Wiener Symphonie entstand somit nicht isoliert, sondern aus dem Zusammenwirken italienischer, österreichischer und böhmischer Traditionen (Heartz, 2003; Rice, 2013).
Wien als musikalischer Knotenpunkt Europas
Unter der Herrschaft von Maria Theresa entwickelte sich Wien zu einem kulturellen Zentrum der Habsburgermonarchie.
Die Stadt zog Musiker aus:
- Italien
- Böhmen
- Süddeutschland
- Ungarn
an.
Während Neapel weiterhin das Zentrum der Oper blieb, wurde Wien zunehmend zum wichtigsten Ort für die Weiterentwicklung der Instrumentalmusik nördlich der Alpen.
Die Habsburger unterhielten seit dem 17. Jahrhundert enge kulturelle Beziehungen zu Italien. Italienische Opern dominierten weiterhin das höfische Musikleben, wodurch auch die italienische Sinfonia dauerhaft in Wien präsent blieb (Rice, 2013).
Der Weg der Oper von Italien nach Wien
Die Übertragung italienischer Opern nach Wien war einer der wichtigsten Faktoren für die Entstehung der Wiener Symphonie.
Bereits unter Kaiser Leopold I. und Kaiser Karl VI. wurden regelmäßig italienische Opern importiert oder direkt von italienischen Komponisten für Wien geschrieben.
Zu den wichtigsten Vermittlern gehörten:
- Antonio Caldara
- Johann Joseph Fux
- Francesco Conti
Mit diesen Opern gelangten auch die italienischen Sinfonien nach Wien.
Dadurch lernten Wiener Musiker:
- die dreisätzige Form,
- den galanten Stil,
- die neue Orchesterbehandlung,
- die melodische Schreibweise der Neapolitaner
kennen.
Die Wiener Symphonie entwickelte sich somit nicht als Gegenmodell zur italienischen Musik, sondern zunächst als deren direkte Weiterführung (Heartz, 2003).
Giovanni Battista Sammartini und sein Einfluss auf Wien
Die wichtigste Persönlichkeit für die Entwicklung der selbstständigen Symphonie blieb weiterhin Giovanni Battista Sammartini.
Seine Symphonien verbreiteten sich über Abschriften in ganz Europa und wurden auch in Wien bekannt.
Charakteristische Merkmale seiner Werke:
- motivische Geschlossenheit
- klare Periodik
- dramatische Kontraste
- eigenständige Satzentwicklung
- reduzierte Abhängigkeit von der Oper
Viele dieser Eigenschaften finden sich später bei den frühen Wiener Symphonikern wieder.
Daher gilt Sammartini heute als die wichtigste Verbindung zwischen italienischer Sinfonia und Wiener Symphonie (Churgin, 1968).
Georg Matthias Monn und die frühe Wiener Symphonie
Die zentrale Wiener Figur der 1740er Jahre war Georg Matthias Monn.
Monn gehört zu den ersten Komponisten, deren Werke bereits deutlich über die italienische Opernsinfonia hinausgehen.
Besonders wichtig sind:
- größere formale Geschlossenheit,
- stärkere motivische Arbeit,
- komplexere Satztechnik,
- frühe Ansätze der Viersätzigkeit.
Einige seiner Werke zeigen bereits Strukturen, die später typisch für die Wiener Klassik werden sollten.
Deshalb betrachten viele Musikwissenschaftler Monn als einen der eigentlichen Begründer der Wiener Symphonie (Heartz, 2003).
Georg Christoph Wagenseil
Neben Monn spielte auch Georg Christoph Wagenseil eine Schlüsselrolle.
Wagenseil war eng mit dem Wiener Hof verbunden und gehörte zu den erfolgreichsten Instrumentalkomponisten seiner Zeit.
Seine Symphonien verbinden:
- italienische Eleganz,
- galante Melodik,
- Wiener Klangkultur,
- zunehmende formale Stabilität.
Spätere Komponisten wie Haydn und Mozart kannten seine Werke und profitierten von seinen kompositorischen Innovationen (Zaslaw, 1989).
Die Entstehung der Viersätzigkeit
Eine der wichtigsten Entwicklungen der 1740er Jahre war die allmähliche Erweiterung der dreisätzigen italienischen Sinfonia.
Neben:
- schnell
- langsam
- schnell
tauchte zunehmend ein zusätzliches Menuett auf.
Dadurch entstand schrittweise das spätere klassische Modell:
- Schneller Eröffnungssatz
- Langsamer Satz
- Menuett
- Finale
Diese Entwicklung vollzog sich zuerst in Wien und wurde später zu einem der wichtigsten Merkmale der klassischen Symphonie (Rosen, 1997).
Böhmische Musiker und die Wiener Symphonik
Ein oft unterschätzter Faktor ist der Einfluss böhmischer Musiker.
Viele Instrumentalisten und Komponisten aus Böhmen arbeiteten in Wien.
Sie brachten:
- hohe instrumentale Virtuosität,
- starke Bläsertraditionen,
- Erfahrung in der Orchestermusik
mit.
Die Wiener Symphonie entstand somit aus einer Mischung:
- italienischer Formprinzipien,
- österreichischer Hofkultur,
- böhmischer Instrumentaltradition.
Gerade diese kulturelle Vielfalt erklärt die außergewöhnliche Dynamik der Wiener Musikentwicklung im 18. Jahrhundert (Rice, 2013).
Die Entwicklung des Orchesters
Zwischen 1740 und 1750 entwickelte sich auch das Orchester deutlich weiter.
Typische Besetzungen umfassten:
- Erste Violinen
- Zweite Violinen
- Viola
- Violoncello
- Kontrabass
- Hörner
- Oboen
- Fagotte
Der Generalbass verlor langsam an Bedeutung.
Gleichzeitig erhielten die Bläser zunehmend eigenständige musikalische Aufgaben.
Diese Entwicklung gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für die spätere klassische Orchesterbehandlung Haydns und Mozarts (Heartz, 2003).
Warum die 1740er Jahre entscheidend sind
Viele Darstellungen der Musikgeschichte springen direkt von Sammartini zu Haydn.
Tatsächlich liegt jedoch in den 1740er Jahren die eigentliche Geburtsphase der Wiener Symphonie.
Hier entstehen erstmals:
- eigenständige Wiener Symphonien,
- frühe viersätzige Modelle,
- differenzierte Orchesterbehandlung,
- eine neue Form instrumentalen Denkens.
Ohne Monn und Wagenseil wäre die spätere Entwicklung Haydns kaum denkbar gewesen.
Fazit
Die Jahre 1740–1750 markieren den Übergang von der italienischen Sinfonia zur frühen Wiener Symphonie. Italienische Opern und ihre Sinfonien lieferten die formalen Grundlagen, doch erst in Wien wurden diese Modelle zu einer eigenständigen Instrumentalgattung weiterentwickelt. Mit Georg Matthias Monn und Georg Christoph Wagenseil traten erstmals Komponisten hervor, die zentrale Elemente der späteren klassischen Symphonie vorwegnahmen. Die Verbindung italienischer, österreichischer und böhmischer Einflüsse machte Wien in dieser Dekade zum wichtigsten Laboratorium der europäischen Symphoniegeschichte.
Churgin, B. (1968). The symphonies of Giovanni Battista Sammartini. Harvard University Press.
Heartz, D. (2003). Music in European capitals: The galant style, 1720–1780. W. W. Norton.
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Brown, A. P. (2002). The symphonic repertoire: The European symphony from ca. 1720 to ca. 1840. Indiana University Press.
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