HIP
Historically Informed Performance (HIP)
Ein zentraler Bezugspunkt des Projekts ist die historische Aufführungspraxis (Historically Informed Performance, HIP). Auf Grundlage zeitgenössischer Quellen, musiktheoretischer Traktate, Briefe, Aufführungsberichte sowie aktueller musikwissenschaftlicher Forschung können unterschiedliche historisch fundierte Aufführungsmodelle entwickelt werden.
Berücksichtigt werden unter anderem:
- historische Tempovorstellungen
- Artikulations- und Phrasierungspraktiken
- Verzierungs- und Ornamentationskonzepte
- Besetzungsgrößen und Orchesteraufstellungen
- historische Stimmungen und Temperierungen
- Aufführungsorte und Raumakustiken
- Klangideale und ästhetische Konzepte verschiedener Epochen
Virtuelle Interpretation ermöglicht es, mehrere historisch plausible Aufführungsvarianten derselben Sinfonie zu simulieren, zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Dadurch entsteht ein neuartiger Forschungsraum zwischen Musikwissenschaft, Performanceforschung und Digital Humanities (Butt, 2002; Haynes, 2007; Taruskin, 1995).
Virtuelle Rekonstruktion historischer Interpretationsstile
Ein langfristiges Forschungsziel von Vienna Lost Symphonies besteht in der Untersuchung historischer Interpretationskulturen und ihrer digitalen Modellierung.
Mithilfe von Music Information Retrieval (MIR), computergestützter Performance Analysis, statistischen Verfahren und perspektivisch auch KI-gestützten Methoden können charakteristische Merkmale historischer Aufführungen analysiert und modelliert werden (Leech-Wilkinson, 2009; Müller, 2015).
Untersucht werden beispielsweise:
- Tempowahlen und Temporelationen
- Rubato- und Agogikverhalten
- Dynamikgestaltung
- Artikulationskonzepte
- Phrasierungsmodelle
- Balance zwischen Streicher- und Bläsergruppen
- klangliche Gewichtungen einzelner Instrumentengruppen
- Aufführungsästhetiken verschiedener Epochen und Traditionen
Auf dieser Grundlage können virtuelle Interpretationen entwickelt werden, die sich an dokumentierten Aufführungspraktiken orientieren.
So könnten beispielsweise Aufführungsmodelle entstehen, die sich an den ästhetischen Vorstellungen bedeutender Vertreter der historischen Aufführungspraxis wie Nikolaus Harnoncourt, Christopher Hogwood, Sir John Eliot Gardiner oder Roger Norrington orientieren.
Ziel ist dabei nicht die exakte Rekonstruktion einer konkreten historischen Aufführung, sondern die wissenschaftlich fundierte Modellierung historisch dokumentierter Interpretationsansätze (Harnoncourt, 1982; Donington, 1989).
Mehrere Interpretationen derselben Sinfonie
Ein besonders innovativer Aspekt virtueller Interpretation besteht in der Möglichkeit, mehrere plausible Versionen derselben Sinfonie zu erzeugen und miteinander zu vergleichen.
Simuliert werden können beispielsweise:
Unterschiedliche historische Kontexte
- Wien um 1745
- Wien um 1770
- Wien um 1790
- romantische Aufführungstraditionen des 19. Jahrhunderts
- moderne Aufführungsmodelle des 21. Jahrhunderts
Unterschiedliche Orchestergrößen
- Hofkapelle
- Kammerorchester
- klassisches Wiener Orchester
- modernes Symphonieorchester
Unterschiedliche Instrumentierungen
- historische Instrumente
- moderne Instrumente
- Naturhörner und Naturtrompeten
- moderne Blechblasinstrumente
- Darmsaiten oder moderne Besaitung
Unterschiedliche Aufführungsräume
- Schlosskapellen
- höfische Säle
- Kirchenräume
- Barocksäle
- moderne Konzertsäle
Unterschiedliche Interpretationsansätze
- HIP-orientierte Aufführung
- analytische Interpretation
- klangorientierte Interpretation
- romantisch geprägte Lesart
- moderne Konzertpraxis
Die Sinfonie erscheint dadurch nicht als statischer Notentext, sondern als dynamisches musikalisches System mit einer Vielzahl möglicher historischer und künstlerischer Realisierungen. Virtuelle Interpretation eröffnet damit neue Perspektiven für Forschung, Lehre, Editionspraxis und Konzertwesen (Butt, 2002; Haynes, 2007; Müller, 2015).
Butt, J. (2002). Playing with history: The historical approach to musical performance. Cambridge University Press.
Donington, R. (1989). The interpretation of early music (Rev. ed.). Faber & Faber.
Harnoncourt, N. (1982). Musik als Klangrede: Wege zu einem neuen Musikverständnis. Residenz Verlag.
Haynes, B. (2007). The end of early music: A period performer's history of music. Oxford University Press.
Leech-Wilkinson, D. (2009). The changing sound of music: Approaches to studying recorded musical performances. Centre for the History and Analysis of Recorded Music.
Müller, M. (2015). Fundamentals of music processing: Audio, analysis, algorithms, applications. Springer.
Taruskin, R. (1995). Text and act: Essays on music and performance. Oxford University Press.
HIP
Information
HIP
Information
HIP
Information